Typografie Grundkurs Teil 3  

Typografie Grundkurs Teil drei – von Werkzeugen und Stilmitteln

Textliche Inhalte sind ein wesentlicher Bestandteil jeder Webseite. Selbst wer seine Webseite eher schlicht und bildstark präsentiert, kommt an Schriftzeichen nicht vorbei. Daher wollen wir in der heutigen Lektion hinterfragen, was einen gut lesbaren Online-Text auszeichnet und wie Ihr typografische Werkzeuge sinnvoll einsetzt. Doch zuerst ein kleiner Rückblick auf den vorhergehenden Beitrag – Typografie Grundkurs Teil 2: Ich hoffe, Ihr konntet mir das etwas bissige Zitat verzeihen, aber um ein Thema wirklich zu ergründen, ist es manchmal nötig, auch deren Anfänge und Tiefen auszuloten. Die Metrik der Schrift haben wir bereits grundlegend erläutert. Nur für den Begriff Punze blieb ich euch noch eine Erklärung schuldig: Eine Punze (Mehrzahl Punzen) ist die Innenfläche eines Buchstabens, der nicht gedruckt erscheint. Dabei gibt es geschlossene (z. B. a, e, o, p) und offene Punzen (z. B. m und n). Doch nun zum Thema.

 

Überschriften, Absätze und Co. – strukturelle Hilfsmittel

Heute wollen wir ein bisschen mehr in den praktischen Bereich der Online-Typografie eintauchen. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Mittel und Werkzeuge die Lesbarkeit eines Online-Textes unterstützen oder eher beeinträchtigen. Doch zuerst ein paar Grundsätze. Heute gilt es mehr denn je, die Besucher einer Webseite zu fesseln. Doch der konzeptionelle Aufbau und die grafische Gestaltung einer Webseite sind dabei nur zwei Bausteine. Die dritte Komponente stellen die Texte dar. Vor allem bei längeren Info-Texten ist es wichtig, dem Auge des Lesers eine klare Struktur zu bieten. Texte am Monitor werden vom Leser anders aufgenommen als gedruckte Texte. Oft ermüden die Augen schon nach wenigen Zeilen. Es lohnt sich also durchaus, diesem Prozess entschieden entgegen zu wirken. Hier spielen unter anderem sinnvolle Absätze, Überschriften sowie Initialen eine Rolle, die ja auch bei Print-Produkten, wie Zeitschriften oder Zeitungen, Verwendung finden. Eine Überschrift besitzt mehrere Gestaltungselemente, darunter der Abstand oberhalb und unterhalb, die Schriftart und Schriftgröße sowie der Zeilenabstand bei Überschriften, die mehrere Zeilen einnehmen. Vom letzteren Element lassen wir lieber die Finger. Überschriften im Online-Bereich sollten klar, knackig und kurz sein – alles andere lenkt das Auge nur ab. Eine weitere Grundregel lautet, der Grundschrift im Text treu zu bleiben. Dies gilt vor allem für Überschriften, wenn der Text ein stimmiges Bild abgeben soll.

Der gezielte Stilbruch mit verschiedenen Schriftarten kann, wenn er denn gut gemacht ist, durchaus kreativ wirken – oder eben auch nicht. Wir können es daher nicht oft genug betonen: Weniger ist mehr! Auch bekannt aus der Druck-Branche sind die Textspalten. Diese sollten aber online nur zum Einsatz kommen, wenn wenig Text auf großen Raum trifft. Online mehrspaltig zu arbeiten scheitert einerseits oft an der technischen Umsetzung. Hier ist also bei der Programmierung Profiarbeit gefragt. Andererseits nutzen viele Leser Tablets. Wenn wir davon ausgehen, dass das menschliche Auge beim Lesen 15 bis 20 cm sehr gut überblicken kann, erübrigen sich in diesem Fall mehrspaltige Texte. Neben der klaren Struktur gibt es auch die Möglichkeit, einen Blickfang zu schaffen. Traditionell wurden dazu Initialen eingesetzt. Eine Initiale im engeren Sinne ist der Anfangsbuchstabe eines Abschnitts mit dekorativen Elementen. Wer aufmerksam in Illustrierten und Tageblättern liest, kann diese Stilmittel noch entdecken. Und eben dies sollte eine Initiale auch immer sein – ein Stilmittel. Sachliche, juristische oder medizinische Fließtexte mit Initialen zu versehen, wirkt wohl eher lächerlich und überladen. Im künstlerisch-verspielten Bereich können Initialen dagegen den Text und seine Aussage unterstützen.

Schriftschnitte – ein Spielplatz für Kreative

Kommen wir jetzt zu einem weiteren wichtigen Stilmittel: dem Schriftschnitt. Der Schriftschnitt spielt mit der Variation von Schriftstärke, Dickte und Schriftlage. Über die verschiedenen Variationen oder auch Auszeichnungen einer Schriftart sprachen wir bereits im vergangenen Teil unserer Reihe. Tatsächlich stammt der Begriff Schriftschnitt aus der Zeit, als Bleilettern noch manuell geschnitten wurden. Heute werden die meisten Schriften am Computer entworfen und bearbeitet. Da leider auch dieses Thema unergründlich ist, wollen wir uns wenigstens einen Aspekt herausgreifen: die Schriftbreite oder auch Dickte. Sie kann ein dekoratives Element sein, wenn wir einiges beachten. Von Ultrabreit (Ultra Expanded) bis hin zu Ultraschmal (Ultra Condensed) teilt der Typograf die Schriftbreiten in neun Kategorien ein. Hier mal ein schönes Beispiel:

Nun kann zwar ein Condensed Font eine fette Schriftstärke besitzen, dennoch ist die Breite bzw. Dickte zwischen den Zeichen gering. Das führt zu einer engen Aneinanderreihung der Zeichen und somit zu einer vertikalen Ausrichtung der Schrift. Die Condensed Fonts sind, je nach Schriftstärke, perfekt geeignet, um viel Text auf wenig Platz unterzubringen. Die Schriftvariation wirkt elegant, schlank und angenehm fürs Auge, hat aber in fetteren Schriftstärken eher plakativen Charakter. Praktisch gibt es von jeder bekannten Schrift auch eine Condensed-Variante. Kritisch wird die Verwendung von sehr dünnen Schriftstärken oder Condensed Fonts mit Serifen. Vor allem für ältere Monitore ist diese Auszeichnung ungeeignet und beeinflusst die Lesbarkeit des Textes negativ. Tja, und da hätten wir es wieder: Wer die Wahl hat, hat auch die Qual. Als Auswahlmittel verweise ich da grundsätzlich auf den guten Geschmack und entlasse Euch heute mit folgendem Zitat von Kurt Weidmann:

„Typografie ist die Kunst des feinen Maßes: Ein Zuwenig und Zuschwach entfernt sie ebenso von der Meisterschaft wie ein Zuviel oder Zustark.“

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